Die Automobilindustrie der Türkei: An der Schwelle vom Volumen- zum Wertwachstum (2025–2030)

Die türkische Automobilindustrie hat es geschafft, ihr Produktionsvolumen bis 2025 zu stabilisieren – getragen von einer starken Inlandsnachfrage und einer eng in Europa integrierten Exportstruktur. Gleichzeitig bleibt der Sektor jedoch ein äußerst sensibles Gleichgewichtssegment, das stark von Wechselkursen, Zinsen, steuerlichen Rahmenbedingungen und Klimapolitiken beeinflusst wird. Mit rund 37 Mrd. USD Exporten und 32 Mrd. USD Importen spielt die Automobilindustrie weiterhin eine strategische Rolle für die industrielle Basis und den Außenhandel der Türkei.

Die Zukunft des Sektors wird jedoch nicht mehr allein davon bestimmt, wie viele Fahrzeuge verkauft werden, sondern davon, welche Technologien eingesetzt werden, wie viel Wertschöpfung entsteht und wie niedrig der CO₂-Fußabdruck der Produktion ist.

Die globalen Machtverhältnisse in der Automobilindustrie verändern sich rasant. Die Gewinner der 2020er-Jahre sind nicht mehr nur Fahrzeughersteller, sondern jene Akteure, die Batterien, Software und Lieferketten kontrollieren. Infolgedessen gewinnen chinesische Hersteller schnell an Bedeutung, während traditionelle Automobilnationen wie Deutschland und Japan unter erheblichem Transformationsdruck stehen.

China hat sich zum weltweiten Marktführer in der Produktion von Elektrofahrzeugen entwickelt und ein nahezu vollständig inländisches Ökosystem für Batterien, Software und Komponenten aufgebaut.
Deutschland profitiert weiterhin von seiner Premium-Ingenieurskunst und starken Marken, steht jedoch im Wettlauf mit der Zeit bei Elektrifizierung und softwaredefinierten Fahrzeugen.
Japan verfolgt dank seiner Führungsrolle bei Hybridtechnologien einen langsameren, aber stabilen Übergangspfad.
Südkorea hebt sich als eines der Länder hervor, dem mit der Hyundai-Kia-Gruppe eine besonders ausgewogene Transformation gelungen ist.

Dieses globale Bild zeigt deutlich: Erfolg in der Automobilindustrie ist längst nicht mehr nur eine Frage technischer Exzellenz, sondern zunehmend eine von Industriepolitik, Skalierung und Geschwindigkeit.

Auf der Produktionsseite verfügt die Türkei insbesondere bei Nutzfahrzeugen und in der Automobilzulieferindustrieüber klare Wettbewerbsvorteile. Die Mehrmarken-Produktionsstruktur, flexible Fertigungskapazitäten und ein qualifiziertes Zuliefernetzwerk zählen zu den zentralen Stärken. Zudem sorgt der alternde Fahrzeugbestand für eine mittelfristig stabile Inlandsnachfrage.

Dem stehen jedoch ebenso klare strukturelle Schwächen gegenüber:

  • Hohe Abhängigkeit von Importen und Fremdwährungen
  • Geringe Wertschöpfungstiefe
  • Ein Steuersystem, das Nachfrage und Planung verzerrt
  • Das Risiko, im Ökosystem der Elektromobilität (Batterie, Software, Leistungselektronik) zurückzufallen
  • Hohe Zinsen, die sowohl Konsum als auch Investitionen begrenzen

Vor diesem Hintergrund ist die Stärke des Binnenmarktes nicht als dauerhafte Absicherung zu verstehen, sondern eher als temporärer Puffer.

In Europa nähert sich der kombinierte Anteil von Elektro- und Hybridfahrzeugen der Marke von 60 %, während reine Elektrofahrzeuge etwa 18 % ausmachen. Dies verdeutlicht, dass vollelektrische, hybride und verbrennungsmotorische Fahrzeuge über einen längeren Zeitraum nebeneinander bestehen werden.

Für die Türkei ist dabei ein Punkt entscheidend:
Elektrifizierung ist nicht ausschließlich ein Thema für Pkw. Die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen – etwa im urbanen Verteilerverkehr, im Flottenmanagement und bei kommunalen Fahrzeugen – stellt ein natürliches Chancenfeld dar. Gleichzeitig werden Infrastrukturverfügbarkeit, Finanzierungsmöglichkeiten und Netzkapazitäten das Tempo dieser Transformation maßgeblich bestimmen.

Im Vergleich zu Europa nimmt die Automobilindustrie in der Türkei eine deutlich zentralere Rolle ein. Der Hauptgrund liegt in der starken Abhängigkeit vom straßenbasierten Güterverkehr.

Der Straßentransport bietet Geschwindigkeit und Flexibilität und ermöglicht eine Tür-zu-Tür-Abwicklung von der Produktion bis zum Endkunden. Diese Struktur erhöht jedoch zugleich die Anfälligkeit der Wirtschaft gegenüber Kraftstoffpreisen, Fahrzeugkosten und CO₂-Regulierungen.

In Europa wurden Schienen- und Seeverkehr durch gezielte politische Maßnahmen systematisch gestärkt, wodurch der Straßentransport eine ergänzende Rolle einnimmt. In der Türkei hingegen hat ein schnelles und weitgehend ungeplantes Wachstum dazu geführt, dass der Großteil der Transportlast auf Lkw entfällt.

Die Zukunft der türkischen Automobilindustrie wird maßgeblich geprägt durch:

  • Die Geschwindigkeit des Übergangs zu einer CO₂-armen Produktion
  • Investitionen in Elektrifizierung und Software
  • Eine stärkere Vertiefung der Zulieferindustrie und höhere Wertschöpfung
  • Die Fähigkeit, sich an Europas grüne Transformation anzupassen
  • Strukturelle Maßnahmen zur Neuausrichtung der zentralen Rolle des Automobilsektors im Verkehrssystem

Unternehmen, die diese Transformation erfolgreich steuern, werden von Wachstum, Konsolidierung und nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen profitieren. Unternehmen, die sich nicht anpassen, werden hingegen unweigerlich Marktanteile verlieren und schrumpfen.

Die türkische Automobilindustrie steht an einem Scheideweg. Ihre bisherige Rolle als kostengetriebener Montagehub muss einem Modell weichen, das auf Technologie, Software, CO₂-arme Produktion und integrierte Lieferkettensetzt.

Erfolg wird künftig nicht daraus entstehen, mehr Fahrzeuge zu produzieren, sondern daraus, ein intelligenteres, saubereres und wertschöpfungsintensiveres Automobil-Ökosystem aufzubauen.


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